Nachts zur Bühne…

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Ich habe nach wie vor Versagensängste. Nicht mehr so schlimm wie früher, einfach, weil ich durch die  vielen Club –  und Hauskonzerte der letzten Jahre so viel Erfahrung gesammelt habe, dass ich wirklich sagen kann, ich weiß a) was ich mache und bin b) sattelfest.

Dabei können mich (mittlerweile)  weder Po – grapschende ” Ab -  und Zu – Konzertveranstalter ” , Tiefschnee im Teutoburger Wald auf dem Weg zum Auftritt, nicht vorhandene Bühnendächer gekoppelt mit Platzregen, noch endlos verspätete Züge schocken. Ich gehe auf die Bühne und singe !

Trotzdem – und wohl auch,  weil ich meine Ängste weder mit Alkohol noch anderen Mitteln betäube, schlängeln diese sich noch ab und zu in Form von Träumen durch, denn im Grunde weiß man ja doch nie im voraus, was auf einen zukommt.

Streikt ausgerechnet an dem Wochendende, an dem ich nach Flensburg fahre, wieder die Bahn? Wird die Wintermüdigkeit vergehen? Erwischt mit kurz vor diesem großen Festival die Grippewelle ?…

Ich denke, es liegt am neuen Lebensabschnitt, den ich gerade beginne (gekoppelt mit einigen körperlichen Veränderungen, die ich auf mein Alter zurückführe ) , dass ich mich Nachts manchmal wie im Museum fühle. Wo eigentlich Ruhe einkehren sollte, wird gewuselt, herumgelaufen, bricht zuweilen das Chaos aus.

Ich träume alles mögliche, wobei bestimmte Muster zu erkennen sind, die seit Jahren immer wieder auftauchen. Früher träumte ich ständig, ich säße mit meinen über 40 ig Jahren wieder in meinem alten Klassenzimmer im Mädchengymnasium Essen- Borbeck, wobei ich für die mich umgebenden Schülerinnen, die allesamt Teenager waren, offensichtlich unsichtbar war, als hätte ich diesen Harry Potter Zaubermantel an, der einen verschwinden läßt . Während ich im Traum versuche, zu verstehen, was der Lehrer sagt, denke ich “Was um Himmels willen mache ich hier ?! Ich weiß, dass ich mein Abitur bestanden habe und zwar 1989 !  Ich kann es beweisen, habe das Zeugnis ! “

Jetzt täume ich etwas anderes:  Ich finde die Bühne nicht, weil der Weg durch Keller und Katakomben immer länger wird und/oder  nicht beleuchtet ist. Ich finde meine Gitarren nicht oder sie haben keine Saiten, oder uralte Saiten, oder der ganze Hals fällt ab in dem Moment in dem ich die Gitarre umschnalle und losgehen will.  Weitere Variante: Ich habe meine gesamte Bühnengarderobe zu Hause  vergessen (was mir wirklich mal passiert ist, sie hing fein säuberlich geordnet in einer entsprechenden Schutzhülle an der Innenseite der Wohnzimmertür, was ich erst kurz vor dem Soundcheck am Nachmittag in 400 Km Entfernung feststellte….) , oder die, die ich dabei habe, passt mir nicht mehr, was ich aber erst 2 Minuten vor Showtime bemerke.

Gern genommen auch dieses : Ich muss ins Flugzeug steigen, ohne dass ich vorher davon wußte.  Der Zug kommt nicht, die Strasse wird immer buckeliger, der Motor fällt aus.  Ich will jemanden anrufen, habe aber die Nummer nicht, oder die Tasten vom Telefon verschwimmen und/oder verwandeln sich in  Gummibärchen…

An der Spitze dieser Hitliste der störenden bzw hilfreichen Träume steht aber mein  -  imaginärer – windiger Manager , über den ich  herausfinde, dass er ein Doppelleben führt und krumme Dinger dreht …und natürlich muss ich in diesem Traum Nachts um 4 Uhr hunderte Kleinigkeiten in meine Reisetasche stopfen,  um in Berlin den Zug am Hauptbahnhof  zu bekommen. Die hundert Kleinigkeiten passen aber nicht in meine Tasche und / oder es werden so viele Taschen, dass ich nicht mehr genug Hände zum tragen habe, denn die Gitarre muss ja auch noch mit…und während ich so versuche, noch den Zug nach Hause zu bekommen, habe ich mit meinem Smartphone einen neuen Song aufgenommen, der wirklich Hitverdächtig ist. Der Songhook war so eine Art  ” forgive me , forgive me , forgive me …”  – mehrstimmig gesungen,  wie es die Beatles gemacht haben.

Im Traum kann ich die Musik genau hören und denke in dem Moment

“Schade dass es nur ein Traum ist, wenn ich aufwache, habe ich die Melodie vergessen.”

 

 

 


Die wunderbare Welt des Magnetismus

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Ich war schon immer ein Kinofan. Damals in Hamburg, ohne Freunde aber mit Majorplattenvertrag, wohnte ich im Stadtteil Ottensen in fußläufiger Nähe zu den “Zeise – Hallen”,  in denen neben aktuellen Blockbustern auch Hitchcock – Klassiker und Independent Filme liefen. Mangels anderer Anregung ging ich wochenlang jeden Tag ins Kino, brachte dort einen Großteil meines Plattenvorschusses durch  und fühlte mich dabei wie ein Cowboy in der endlosen Weite der Prärie.

Diese Liebe zum Kino, die in mir  auch  den Wunsch erweckte, selbst einmal ein Drehbuch zu schreiben , begleitet mich bis heute.

Ich liebe entschleunigte Filme mit guter Story und sehr guten Schauspielern , aber auch Blockbuster wie den letzten ” Godzilla” Film oder “Paddington Bär” fand ich, nicht zuletzt wegen der wirklich  guten und liebevoll gemachten Spezialeffekte absolut grandios. 08 /15 Storys sind dagegen nicht so mein Fall, unabhängig davon, wie viele Leute diese Filme sehen wollen.

Ende 2009, als ich  versucht war,  musikalisch die Flinte ins Korn zu werfen, weil ich mich dem ewigen Druck und Konkurrenzkampf der Musikindustrie nicht mehr gewachsen fühlte  (- nicht zuletzt weil ich mich mit meinen damals 39 Jahren zu alt fühlte, um irgendwie stattzufinden ) sprang mich vom Hochglanzpapier eines  grossen deutschen Wochenmagazins ein Gesicht an,  das sehr freundlich in die Kamera lächelte, die Hände vor dem Kinn zusammengelegt.  Frank Langella.

Ich schnitt dieses Foto aus, nachdem ich die dazugehörige phänomenale Geschichte verschlungen hatte, klebte es auf ein Stückchen Pappkarton und steckte es in einen Aufsteller. Seit dem steht es, zusammen mit einem Passfoto von mir aus diesem Jahr, inmitten eines Sammelsuriums von Erinnerungen und Fundstücken, einer Art persönlichem Künstlerschrein.

Frank Langella ist ein amerikanischer Schauspieler, Jahrgang 1938 (!) ,  den man in der ewigen besten Nebenrolle aus unzähligen Hollywood Produktionen kennt – und doch nicht kennt. Denn er war eben immer die beste Nebenrolle.

Langella, ein grosser, feiner Mann mit viel Ausstrahlung und von italienischer Abstammung, war in den  späten 70 iger Jahren unter anderem  mit der Hauptrolle in einer sehr speziellen und bis heute von vielen Filmfreunden als beste Intepretation ever  von  “Dracula” ein gefeierter Newcomer und Tony Award Gewinner.

Man sagte man ihm wegen seiner  Ausstrahlung und seiner Klasse als Schauspieler eine Weltkarriere vorraus, doch immer wieder wurde es still um ihn und er verschwand für Jahre von der Bildfläche, was vielleicht auch daran lag, dass er bestimmte Dinge, die Regisseure oder die Filmstudios von ihm verlangen, einfach nicht machen wollte, weil es seiner Überzeugung wiedersprach.

Blut im Gesicht zum Beispiel – dagegen hat er sich monatelang und mit Erfolg standhaft gewehrt, weil es nicht zu dem romantisch- düsteren  Charakter passte, den Langella als Dracula  entwickelt hatte. Dazu muss man wissen, das Langella mit einem Dracula- Theaterstück, das eben diesen Charakter beschrieb, schon jahrelang am Broadway großen Erfolg hatte. Und wegen diesem Theaterstück  waren die Produzenten  erst auf ihn zugekommen und  der Kinofilm realisiert worden – mit Frank Langella in der Hauptrolle . Nun wollten die Produzenten aber mitten im Dreh Zähne und Blut, weil der Zuschauer – so die Ansicht des Filmstudios- es so möchte. 

Aber Langella weigerte sich. Auch wollte er sich nicht auf einen Typus festlegen lassen und schlug später daher jedes Filmangebot, dass auch nur im entferntesten seine Rolle als Dracula kopierte, aus.  Er fürchtete, dass diese Rolle bis in alle Ewigkeit wie ein alter Kaugummi an ihm kleben würde – und so bleibt seine Fassung von Dracula mit der wunderbaren Kate Nelligan als weibliche Hauptrolle und Laurence Olivier als van Helsing bis heute unerreichter Kult. 1979 !

Langella trat in den folgenden Jahren in der anfangs beschriebenen ewigen Nebenrolle in etlichen Kinofilmen (unter anderem an der Seite von Whoopi Goldberg, mit der er einige Zeit liiert  war)  auf, und als Theaterschauspieler in Erscheinung und erhielt für diese Leistungen am Theater mehrere Auszeichungen. Überhaupt bezeichnet Langella das Theater als seine große Leidenschaft, die Herausforderung, jeden Abend aufs neue sein Publikum zu fesseln, hat es ihm angetan und ich kann dieses als Musikerin natürlich nachempfinden. Es geht eben um den Magnetismus.

Doch zurück zu dem Foto im Hochglanzmagazin und der Geschichte, die sich dahinter verbarg :2009, erhielt Langella, mittlerweile seit etlichen  Jahren als Filmschauspieler mehr oder weniger vergessen,  die Rolle des Richard Nixon und  studierte die originalen Aufnamen des Nixon Interviews mit  David  Frost (in Zeitlupe !) ,   bis jede Geste, jeder Wimpernschlag saß. Für diese Vorstellung erhielt er im Alter von 70 jahren (!) seine erste Oskar Nominierung und war aus der Vergessenheit wieder ans Licht gekommen. Unfassbar.

Diese Geschichte hat mich so fasziniert, dass ich mich lange damit beschäftigt habe. Was ist eigentlich Erfolg, was ist Zeit, was bedeutet es, zu altern. Bin ich jemals für irgendetwas zu alt?  Geht es nicht vielmehr darum, sich immer wieder Ziele zu stecken, um innerlich zu wachsen ? Und darum, eben das zu tun, wozu ich heute im Stande bin, anstatt mich darüber zu grämen, dass ich da und da nicht perfekt war, es nicht geschafft habe ?

Frank Langella ist für mich einer der besten Schauspieler der Welt, vor allem auf Grund seiner Freundlichkeit , die ihm ins Gesicht geschrieben steht . Jack Nicholson, Harvey Keitel, Dustin Hoffmann, Anthony Hopkins, Al Pacino, Robert De Niro,  sie alle sind berühmter als Langella ( und werden es auch bleiben) aber da gibt es etwas, was mich – neben der puren Freude, seine Filme zu sehen – fasziniert: Während sich erstere mehr oder  weniger  von der aktiven Schauspielerei zurück gezogen haben und höchstens mal als Ehrengast bei einer Preisverleihung in Erscheinung treten, dreht  Langella -  und ich bin nicht die einzige, die das so sieht  – in den letzten 10 Jahren die besten Filme seiner Karriere.  Als gleichwertiger Partner so wunderbarer Schauspieler- Innen  wie Elliot Gould, Susan Sarandon, Kirsten Dunst und Ryan Goslin. Und jedesmal, wenn ich eine neue DVD einlege und  gespannt darauf warte, was passieren wird, ist es für mich wie eine Expedition in eine wunderbare, mir bis dato völlig unbekannten Welt.  Was für ein Schauspieler !

Und ich werde auch erfinderisch : Anfangs aus der Not heraus, da einige seiner Filme  nicht für den europäischen Markt synchronisiert wurden, nun mit voller Überzeugung, weil es einfach so phantastisch ist, seiner Stimme zuzuhören und wie er die Worte ausspricht, ihnen Bedeutung verleiht, sehe ich mir mittlerweile von vorn herein alle Filme mit Frank Langella im  O- Ton an, auch wenn die synchronisierte Fassung auf der Dvd zu haben ist. Langella ohne seine sonore, kraftvolle Stimme? Undenkbar.

So begleiten mich seine Filme wie eine kleine Reise durch die gesamte Produktion meines Albums, an dem ich gerade arbeite. Wenn es zäh wurde und ich den Mut verlor, was öfters mal der Fall war, schaute ich mir Langellas Foto in dem Aufsteller an, wie er da seit sieben Jahren vom Papier herunterlächelt….und dann ging es wieder ein Stückchen  weiter.

Jetzt bin ich fast fertig mit meinem Album und habe alle Filme die ich irgendwie, irgendwo, über Amazon, gebraucht oder  als Us Import  bekommen konnte, im Regal stehen. – Absolut ungeschlagen an der Spitze : “Starting out in the evening” in dem Frank Langella - in der realen Welt tatsächlich  in New York lebend, einen alternden, ehemals sehr gefeierten Schriftsteller spielt, der in seiner Wohnung in der Upper – Westside von der Welt vergessen wurde und der nach dem Verlust seiner Ehefrau seit 10 Jahren einsam aber diszipliniert an seinem letzten Buch schreibt. Und nicht fertig wird. – Bis er von einer Literaturstudentin, die alle seine Bücher kennt und eines davon besonders liebt, als Thema für ihre Doktorarbeit ausgewählt wird und diese Begegnung sein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Immer wieder besucht sie Ihn in seiner etwas verstaubten New Yorker Wohnung um Ihn zu interviewen, bis  der Mann hinter der Fassade  zum Vorschein kommt. Ein langsamer, wunderbarer,   unfassbar spannender Film, voller Magie, an deren Ende sich der Schriftsteller befreit und sein Manuskript unvollendet beiseite legt – in Erkenntnis, dass es Ihn in die Einsamkeit verdammt. In der letzten Einstellung tippt er die ersten Worte für ein neues Buch, unwissend darüber, ob ihm die Zeit bleiben wird, es zu vollenden. Grandios, mehr kann man nicht dazu sagen.

Langella hat einige Interviews gegeben , die man auf YouTube sehen kann, in denen er unter anderem die Prozesse beschreibt, die er als Künstler durchlebt,  und was er sagt, gehört für mich  zum Besten, was ich jemals über dieses Thema gehört habe. Der Mann sollte Professor werden – das Zeug dazu hätte er.

Während nach und nach seine  Generation abtritt, steht er da, auf diversen Empfängen der langsam in sich selbst zusammenfallenden Filmindustrie, an die  1,90 Meter gross und mittlerweile etwas gebückt, wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Ein Mensch der , danach gefragt, jungen Künstlern rät, auf sich selbst zu hören und an dem festzuhalten, an das man glaubt.  Ein Schauspieler, der von sich selbst sagt, dass es ihm nicht darum geht, besonders clever  dieses oder jenes Gefühl zu spielen, sondern darum, dass jemand, der seine Darbietung  gesehen hat, nachher sagt, er habe etwas besonderes gefühlt als er den Charakter betrachtete. Ein Künstler der sagt, dass, wenn man nicht Nachts um drei Uhr wach wird, weil man für seine Rolle brennt, es am besten sein lässt, geht es einem nur um den Erfolg oder das berühmt sein.

Ich habe noch eine Wunschliste von Dingen, die ich gerne einmal  machen würde , bevor mein Leben irgendwann zu Ende geht: und neben Dingen wie “tauchen lernen”, “ein Drehbuch schreiben”  und  “noch mal in die Toscana fahren ”   steht dort

“Frank Langella einmal live auf der Bühne erleben”.

Dazu müßte ich aber meine Flugangst überwinden und nach New York fliegen.

Ich arbeite daran.

Danke, Herr Langella für die letzten Wochen. Sie haben mir sehr dabei geholfen, mein Album fertig zu stellen und ich werde Ihnen eine Cd nach New York schicken. Vielleicht habe ich Glück und ihr Agent leitet meine Sendung an Sie weiter.

In diesem Sinne

herzlichst Ihre

Katja Werker

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CARRIED THE CROSS 2015 – akustik Video

nachdem carried the cross letzte woche überraschend im zdf lief und mich so viele liebe menschen auf den song ansprachen, habe ich am wochenende kurzentschlossen eine akustik gitarren version aufgenommen, die den song ziemlich genauso wiederspiegelt, wie ich ihn 2000 in Hamburg geschrieben habe. ich denke, der song kommt in dieser fassung auch noch mit aufs neue album ..danke an bernd für den spontanen einsatz an der kamera…danke auch an all die vielen lieben emails und anfragen seit der tv ausstrahlung. das bedeutet mir unheimlich viel, dass mein song nach all den jahren immer noch berührt. vor allem in der aktuellen lebensphase, in der ich mich befinde. danke.


Das Universum.

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Man steckt einfach nicht drin, ich sag es ja immer wieder. Im täglichen Klein – Klein einer Musikerin, die sich im Augenblick selbst managed, vergesse ich es auch immer wieder: Es kommt immer anders als man gerade denkt. Immer !

Seit fast einem Jahr arbeite ich zum Teil 14 Stunden am Tag an der Fertigstellung und Veröffentlichung meines ersten englischsprachigen Albums seit “Dakota” und habe das Gefühl, dass mir hier etwas besonderes gelungen ist. Besser gesagt gelingt, denn ich bin noch nicht fertig.

Zum einen bin ich , nach diversen Ausflügen in andere Richtungen, ganz zurück zum Ursprung gegangen in der Instrumentierung und der Art , wie das Album aufgenommen ist. Zum anderen entfaltet sich  in meiner Musik eine gewisse Weichheit, von der ich denke, dass sie eventuell auch anderen gefällt. Aber man weiß es eben nicht.

Deshalb schwimme ich im Orbit des kreatives Stroms umher und hoffe einfach, dass ich es richtig mache. So heißt dann auch das Album : “Swimming in the sea of wilderness” , wobei wilderness die innere Wildnis beschreibt, in die ich mich als Künstlerin begeben muss, sobald ich ein neues Werk schaffe. Eine Wildnis, in der existenziell nichts zählt als ich selbst und das, was ich am Ende des Tages zu schaffen in der Lage bin. Und immer wieder die Frage : “Kann ich es wirklich ? ”

Es ist ein wenig so, als würde ich nur mit einem Survival Paket bestehend aus einem Briefchen Streichhölzern, einem großen Messer (mit Sägefunktion) und einer Decke, vielleicht ein wenig Proviant,  im Wald überleben müssen. Auch Nachts. Und alles, was ich tun kann, wirklich tun kann ist, darauf zu vertrauen, dass dieses Universum, aus der all diese Ideen kommen, sich letztlich um mich kümmert. Dass alles gut wird. Dass die Dinge sich letztlich zusammenfinden. Ich weiß, dass das Universum existiert als beschützende Kraft . Auch wenn  ich es in der Mühle des Alltags, die auch vor einer Musikerin nicht halt macht, regelmäßig vergesse.

Und dann, nachdem es sich monatelang  eher wie richtige Arbeit anfühlt als nach freischaffender Kunst, ein Phase, die bisweilen sehr einsam sein kann und durch die ich eben durch muss - sendet das ZDF  am gleichen Tag, an dem ich den entscheidenden Schritt in Richtung Endmix für mein neues Album gehe  - zur besten Sendezeit –  meinen Titel “carried the cross”  ausgiebig als Filmmusik  . In der Serie “Marie Brand” !!!

Ich selbst weiß nichts davon, bis mir jemand am nächsten Tag auf Facebook schreibt, wie gut ihm das gefallen hat. Ich poste ein wenig herum, um staunend  herauszufinden, dass das ziemlich viele Leute  gesehen und gehört haben und dass der Titel und das dazugehörige Album “contact myself ” – 15 Jahre nach erscheinen der Cd – auf Platz 12 (!!!) der Amazon mp3  Pop Charts ist.

Mir fehlen die Worte, liebes Universum. Da hast du dich ja wirklich selbst übertroffen.


Wie ich mit Van Morrison zu Mittag aß (Teil 4 : finally arrived)

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Als ich am Dienstag Morgen gegen 10 Uhr 30 in den Real World Studios ankam, waren Stuart Bruce und Oli Jacobs seit 9 Uhr damit beschäftigt, die Mikrofone für mich einzurichten. Ein Telefunken Röhrenmikro für die Stimme, (später ein Neumann, dass wir aber am 2. Tag wieder abbauten) das diese wunderbar seidig und weich einfing, ein Schoeps Stereopaar für die Gitarre dazu zwei Paare Overheads für den Raumsound. Für meine Hagstrom Bariton E – Gitarre hatte Stuart zwei Gitarrenverstärker aufgebaut.

Nach einem kurzen Soundcheck spielte ich noch vor dem Mittagessen mehr aus Zufall “bloodbuzz ohio ” von the national  ein und war froh, dass Stuart nicht bei jedem kleinen Rascheln meines Sweatshirts oder Quietschen meiner ewig wippenden Füße die Aufnahme wegen “Störgeräuschen” stoppte. Wir hatten darüber am Tag zuvor im ” the pig and the fiddle ” gesprochen. Wie ich es hasste, von überperfektionistischen Tonmeistern bzw Produzenten auseinandergenommen zu werden, bis ich keinen Ton mehr herausbrachte. Oder nur noch solche, mit denen ich mich später schlecht identifizieren konnte. Wir hatten uns darauf geeinigt, die Aufnahme unter allen Umständen laufen zu lassen , bis wir einen  guten, in einem Durchgang gespielten Take hatten.

Es fiel mir wirklich schwer, das zu akzeptieren, obwohl es ja meine eigene Idee war, denn 20 Jahre im Musikgeschäft hatte mich auf eine paranoide Weise gelehrt, lieber pefekt zu sein als lebendig. Und je genauer man hinhörte, desto mehr “Unperfektheiten” waren ja  auch zu hören.   Auch ein Grund, warum ich seit Jahren  mehr oder weniger zurückgezogen meine CDs selbst produzierte. Mit dieser Strategie hatte ich es auch hinbekommen, einige gute Produktionen selbst zu realisieren, aber ich wollte über diesen Punkt hinaus. Ich wollte mich fallen lassen, umsorgt sein, darauf vertrauen, dass dieser große Mann  hinter der Glasscheibe für mich arbeitete und nicht gegen mich. Ich wollte diesen ehrlichen, feinen, lebendigen britischen Sound, also musste ich auch lebendig sein. Ich wollte einfach alles loslassen.

Und es war ein Wunder, denn es funktionierte.  Das, was diese Gegend, dieses Gebäude, diese Menschen ein – und ausatmeten, all das vermischte sich mit meiner eigenen Geschichte und den Tönen die ich von mir gab . Kein plugin dieser Welt konnte diese Athmosphäre ersetzen.

Wir arbeiteten uns bis zum Mittagessen voran und Oli, der die Aufnahmen als angestellter Real World House Engineer alleine gemanaged hätte, hätte ich Stuart nicht engagiert, fügte sich einfach perfekt in unser kleines Produktiosteam ein. Stuart veränderte hi und da die Mikrofonie, baute Stellwände um und  die Gitarrenverstärker auf und wieder ab – und Oli half ihm dabei. Es machte ihnen Spass, und deshalb machte es mir auch Spass. Kein mürrisches Zeitungsgelese am Mischpult, kein wortloses Mißtrauen meinem Urteilsvermögen gegenüber weil ich mit  XX – Chromosomen geboren wurde, kein Toningenieur und Studiobesitzer, der während der laufenden Aufnahmen seine Hose umsäumt (!), keine total betrunkenen, unflätig werdenden Musikproduzenten, keine fragwürdigen Andeutungen, Seitenblicke, Untertöne.  Nur die Gitarren, meine Stimme, der Raum und wir. Das Paradies.

Oli holte in den Aufnahmepausen englischen Tee mit Milch und 2 Stück Zucker – starken, guten,  schwarzen Tee, wie ich ihn zu Hause nie hinbekomme und auf einigen der Tassen war das aktuelle Peter Gabriel back to front logo abgedruckt . Was wollte ich mehr. Ich fühlte mich erwachsen aber nicht festgefahren. Ich hatte Angst, aber die gehörte nun eben dazu. Ich war nicht perfekt, aber das erwartete hier auch niemand von mir, denn alle die hier arbeiten, sind Profis und haben verstanden, dass Perfektion überhaupt nichts bedeutet, solange man keine Gefühle zeigt.

Kurz  vor dem Mittagessen war es Zeit, mein Zimmer  zu beziehen und wir gingen vom Aufnahmeraum über den knirschenden Kies hinüber in das Guesthouse, von dem ich leider keine Fotos gemacht habe. Es war, als würde ich in ein Heiligtum eintauchen und als würde ich es   verraten, würde ich Fotos von den Innenräumen der Residenz machen, und diese anderen zeigen, also ließ ich es sein. Es ist ein unausgesprochenes, ungeschriebenes Gesetz, was diese inneren Kreise der Studios betrifft : Alles was man privat mitbekommt, von Leuten, die durchaus Weltstar Status haben, was sich offenbart an persönlichen Schwächen oder Stärken, bleibt hinter diesen Mauern, in den Räumen, hinter einer unsichtbaren Membran, die das Künstlerdasein in all seiner Verletzlichkeit vor der Außenwelt schützt. Nur so kann man sich im geschützten Raum öffnen, sicher sein, dass niemand einen schon morgen so verletzlich ablichtet und ausverkauft.

Lieber nahm ich diese Bilder in meinem Herzen mit nach Hause. Die Eingangstüre  ist  mit einer grossen , einem Kirchenfenster ähnlichen Glasintarsie besetzt. Die Möbel sind antik  und etwas zusammengewürfelt, ein hochwertiges Sammelsurium der letzten 25 Jahre Studiogeschichte. Kunstbücher über Fotografie stehen in Regalen und  all dieses schöne Ambiente hat gar nichts von falschem, leeren, protzigen Luxus.

Ich bekam ein sehr sehr schönes, hell gehaltenes Zimmer mit großem Badezimmer, geschwungenen Wasserhähnen und weichen Teppichen im ersten Stock des Hauses. Vom Schlafzimmerfenster aus sah ich auf einen kleinen Pavillion, in dem ein Billardtisch stand, den jedoch im Augenblick niemand benutzte . Im sonst tipp top gepflegten Studiokomplex war das die einzige Unperfektheit : jemand hatte eine benutzte back to front – Tasse auf dem Fensterbrett stehen lassen und wenn ich aus meinem Zimmer nach draußen sah, schaute ich auf diese Tasse und stellte mir vor, von wem sie wohl stammte.

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Unten im Parterre befindet sich das Herzstück des Studios: die Küche mit dem angrenzenden Speiseraum, in dem sich mehrmals am Tag zu festen Mahlzeiten alle “Bewohner ” der Studios treffen und miteinander über das, was sie gerade machen, beim Essen sprechen. So werden die neusten Technologien diskutiert und jeder hält den anderen über die latest News auf dem laufenen. “Peter is touring in England in december .”  “Oh,is he ?!”… Der französische Koch und seine Mitarbeiterin aus Nordengland waren so unfassbar freundlich und fähig,  dass es eine Freude war. Das beste Essen, das ich in meinem ganzen Leben bekommen habe.

 

 

Während ich noch einige Sachen aus dem Aufnahmeraum in mein Zimmer bringe, trifft mich gänzlich unvorbereitet die Neuigkeit, dass Van Morrison mit seiner gesamten Crew seit Anfang der Woche im big room , also nur einen Steinwurf vom wooden room entfernt, in dem ich gerade stehe und an meinen Sachen herumsortiere, an Aufnahmen für sein neues Album arbeitet. ” Van Morrison is here ?!” Direkt nebenan im big room ?!  Mir bleibt für einen Moment die Luft weg. Natürlich fragte ich mich im Vorfeld dieser Reise, ob auch bekannte Leute dort sein und ich sie treffen würde, aber nun stelle ich fest, dass ich gar nicht weiß, wie ich darauf reagieren soll. So sehr bin ich mit meiner Gitarre und meiner Performance, der an einigen winzigen Stellen doch mehr Vorbereitung gut getan hätte, beschäftigt.

Van Morrison ist nebenan und gleich gibt es Essen. Der Koch wartet schon.  Stuart rät mir, Van nicht direkt anzusprechen, er sei da sehr empfindlich da er extrem schüchtern sein. Wobei schüchtern eigentlich kein Ausdruck dafür sei, was Van Morrison ist. Stuart hat schon einmal eine Aufnahmesession für ein Van Morrison Album geleitet. “Don´t talk to him .”  “No, no …! ” antwortete ich, denn ich bin genauso schüchtern und froh, wenn ich es ohne Schweißausbrüche schaffe, mich mit mir unbekannten Personen zum Essen an einen Tisch zu setzen. Auch wenn die nicht Van Morrison heißen.  Nie im Leben würde ich von mir aus die anderthalb Meter vom woodroom über den Flur in den bigroom überqueren, obwohl ich es könnte, wenn ich es wollte. Einmal in real world, gibt es kaum verschlossene Türen. Aber es ist mir heilig. Ich bleibe  in meinem Terrain, und gerade deshalb ist mir diese Begegnung einer der intensivsten geblieben.

Wenige Minuten später betreten Stuart, Oli und ich den Speiseraum und da sitzt er. Jetzt trifft es mich doch wie ein Stromschlag. Ungefähr so habe ich mich auch gefühlt, als ich 2004 nach einem Konzert der growing Up Tour in Köln auf der Aftershowparty einmal Peter Gabriel vorgestellt wurde. “Hey Peter, this is Katja. A very talented artist from Germany.” Peter steht vor mir, gibt mir die Hand, ich bringe nicht weiter heraus als “I am very pleased to meet you, Peter. ” Was sollte ich auch sagen. Mein Herz schlug bis zum Hals, der Schweiß brach mir aus, meine Hände wurden feucht, so schüchtern war ich.

Durch den ganzen Speiseraum muss ich laufen , an Van vorbei, der schon beim Nachtisch ist, als wir hereinkommen und so nehme ich, die Frau aus Deutschland, neben  Van Morrison Platz . Bestimmt 40 Minuten sitzen wir nebeneinander, ohne ein einziges Wort zu wechseln. Stuhl an Stuhl an diesem riesigen Esstisch aus schwerem, alten Holz.   Van spricht mit Kenny, seinem Chef Engineer, der aus den Abbey Road Studios in London angereist ist. Aber wegen des irischen Akzents verstehe ich kein Wort, worüber quer über den Tisch Witze gemacht werden, weil die Engländer im Raum genauso wenig verstehen. Sie feixen und ziehen sich gegenseitig auf, bringen ihre Dialekte zum Vorschein – Es ist sehr lustig.

Nach und nach geht jeder einzelne der Crew wieder in den Big room , um weiter zu arbeiten. Aber Van bleibt noch sitzen. Ich mustere Van, obwohl ich es eigentlich nicht will, von der Seite. Soll ich mich zu ihm hindrehen und doch etwas sagen? Aber was? “Hello Mr. Morrison? ” Das ist doch albern. Van mustert mich auch, schaut von der Seite, wenn ich nicht hinschaue. Natürlich hatte ich höflich gegrüßt, als ich mich setzte, Van aber nicht direkt angeschaut und seitdem weitesgehend geschwiegen.

Van Morrison, er hat mir, wie so vielen anderen Menschen, immer sehr viel bedeutet. Die erste Lp, die ich mir  von meinem eigenen Geld gekauft hatte, war “Moondance” gewesen und ich habe sie immer noch. Ich erinnere mich genau, wie ich, höchstens 17 Jahre alt,  diese  damals eigentlich schon antike  LP aus den 70 igern   lange betrachtete und  ihr Gewicht in meiner Hand abschätzte. In diesem  damals sehr angesagten Schallplattenladen in Köln, wegen dem ich extra dorthin gefahren war, hielt ich diese LP, die fast so alt war wie ich selbst, in der Hand und begutachtete  den Mann in dem engen Bühnenoutfit, für das er eigentlich zu klein war, das ihm aber trotzdem stand,  und stellte sie immer wieder zurück ins Regal , weil ich die Musik nicht kannte und  ich mir nicht sicher war, ob sie  mir gefallen würde. Nachdem ich stundenlang umhergetigert war, kaufte  ich “Moondance ” , zusammen mit einer anderen LP, an die ich mich nicht mehr erinnere.

Später zu Hause dauerte es einige Monate, bis ich alt genug war, um dem Zauber dieser Musik zu erliegen. Aber als ich es tat, war ich von Van Morrisons Stimme tief berührt und beeindruckt. Ich sah Van Morrison dann Mitte der 90 iger Jahre, es muss die Zeit gewesen sein, in der er “the healing game”  veröffentlichte,  in  der Dortmunder Westfalenhalle beim legendären Rockpalast Konzert mit Candy Dulfer. Ich stand in der ersten Reihe, rechts an der Bühne  und  Morrison, der schon mal die Freigabe für ein solchen TV Mitschnitt verweigert, wenn er den Eindruck hat, er war nicht gut genug, sagte zum leitenden Redakteur : “Das können sie alles senden. ” 

Ein unfassbares Konzert, das  als eines der best ever  Rockpalast Konzert in die Musikgeschichte einging und das mein Leben für immer verändert hat. Was für ein Musiker, was für eine Power, was für eine Leidenschaft, was für eine straightness, was für ein Timing, was für eine Band.

Und die einzige Geste, die Van Morrsion in zweieinhalb Stunden mit seiner unfassbaren Ausstrahlung machte war, am Ende der letzten Zugabe einmal den Mikrofonständer kopfüber in die Luft zu heben, so dass er wie ein Ausrufezeichen für das, um was es im Leben eigentlich geht, senkrecht nach oben zeigte. Dann ging er , während die Band  noch weiterspielte, von der Bühne.

Dieses Konzert war nicht irgendein Konzert für mich. Es war ein Wendepunkt , ein Grund damals, weiterzukämpfen, und mich  aus dem Morast von  Problemen, in dem ich zu dieser Zeit bis zum Halse feststeckte , zu befreien. Ich drohte zu ertrinken und diese Energie auf der Bühne der Dortmunder Wesfalenhalle hinderte mich daran, unterzugehen.

2014 , Ich sitze hier, er sitzt dort. Ich bin eine kleine Singer –  Songwriterin, er ist ein Weltstar, also halte ich den Mund und habe Respekt vor diesem wunderbaren Künstler. Das er als Mensch wohl etwas sonderlich ist – zumindest sagen das einige Leute- , und durchaus ungehalten werden kann, fühlt er sich unwohl oder bedrängt, ist mir egal. Ich habe ein Ziel vor Augen , ich möchte mein Bestes geben, das Beste was ich jetzt zu geben im Stande bin. Kurz darauf steht Van Morrison auf und geht mit etwas windschiefen Schritten davon. Während die Crew im Big Room darauf wartet, dass es weitergeht, packt Van Morrison im 1. Stock seine Sachen und fährt einen Tag früher als geplant nach Hause.

Am Mittwoch morgen spielte ich auf Peter Gabriels Boesendorfer Flügel, der im Wooden Room etwas verwaist herumstand und diese Akkorde lösten die letzten Zweifel in mir auf. Peter Gabriels Flügel. Ich genoß diese Stunde, bevor Oli und Stuart kamen und probierte noch diverse Tasteninstrumente aus, die vor Ort sind . Als  Oli mich spielen hörte, improvisierte er auch ein wenig am Flügel und ich hörte sofort, dass er es konnte. Spontan übten wir  “mercy street ” , das ich eigentlich alleine an der Gitarre performen wollte, zusammen, Oli und ich. Nachdem wir das Instrument  aus der Ecke gerollt und mikrofoniert hatten, nahmen wir einen live take dieses Songs für mein Album an Peter Gabriels Flügel auf. Magisch. Ich werde es niemals vergessen.

Oli brachte mich an diesem zweiten Abend in den Big Room  und dann in Peter Gabriels privates Studio, das sich etwas versteckt hinter ein wenig Botanik in einem Anbau befindet. Ich stand in diesen Räumen voller Trommeln, Tasteninstrumente und Erinnerungen . Die Quadratmeter, in denen all diese Musik enstanden war, in dem dieser Mensch gearbeitet und geatmet hatte und ich wußte, dass mich dieser Einblick für immer verändern würde. Ich war nicht mehr die “Lumpenliese”, nicht mehr die Tochter eines  arbeitslosen Vaters, ich war angekommen. Ich war die Gründerin von “Küchentisch Productions,” die Frau mit der Stimme, die bis hierher gekommen war.

Am Ende dieser zwei Tage waren alle meine Songs aufgenommen ich hatte, ohne es zu wissen, mit dem Ehemann von Melanie Gabriel zu Abend gegessen und mich mit ihm über die zuweilen anstrengende Aufgabe, ein Kleinkind zu versorgen, unterhalten. Peter Gabriels` Verleger war  in meine Aufnahmesession gekommen und sagte mir , ihm habe meine Coverversion von “mother of violence ” gut gefallen und er würde immer schauen, was ich so mache. Ich stellte fest, dass Engländer wirklich sehr sehr lustig sind und das protools  wegen der Echtzeit, in der man Audiofiles in diesem Programm exportieren muss dort “Slowtools” genannt wird. Ein Wortspiel,über das ich bis ans Ende meiner Tage lachen werde. Peter Gabriel selbst traf ich nicht, da dieser in London war, doch das machte nichts. Es war ein nach Hause kommen, ein Neustart, und das dumpfe, schwere “Sch…Ffffupp”, mit der die dicken Schallschutztüren sich bei den letzten 2 cm von selbst schließen,  wird mir in Erinnerung bleiben: Alles ist, wie es sein soll.

Ich erzählte beim letzten Abendessen von meiner Angst, Autobahn zu fahren und zu fliegen und das ich deshalb den ganzen Weg alleine über die Landstrasse gefahren bin. Die  anwesenden Herren am Tisch  starrten mich ungläubig an – junge Männer, Anfang 20 ig, die ihr ganzes  Leben vor sich haben  und für Peter Gabriels back to front  Tour den Bühnenaufbau machen oder in seinem Studio an neuen Drumloops schrauben. ” She is  crazy ! It only takes  two hours by plane from Düsseldorf to  Bristol !”  “Yes, I know.” antwortete ich. ” It´s something I have to work on.”

Oli machte mir Mut, auf dem Rückweg die Autobahn zu nehmen, “It´s easy ! ” munterte er mich auf und es klang, als hätte er recht. Du musst nur geradeaus fahren. Stärkende Worte für  etwas , vor dem man Angst hat. Sie sind Gold wert. Auch wenn der, der sie jagt, nur ungefähr halb so alt ist, wie man selbst…

Am Donnerstag verließ ich gegen 10 Uhr 30  die Real World Studios und nahm die britische Autobahn Richtung London und dann Dover. Oli hatte Recht gehabt. Das war viel einfacher , als sich durch die Ortschaften zu schlängeln. Am Nachmittag erreichte ich pünktlich die Fähre, mit der ich vor einigen Tagen gekommen war.  Es war stürmische See, und ich fuhr, im Gepäck die Gesangs und Gitarrenaufnahmen von 11 Songs und zwei back to front Tassen, noch  die halbe Nacht durch, bis ich zu Hause war.

Ich hatte es tatsächlich geschafft.

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