Dünnkirchen – Dover, Samstag, 16 Uhr.

portrait

Ich versuche, mich damit abzufinden. Dass ich nicht unversehrt bin. Äußerlich sieht man es kaum, vor allem wenn ich mich fertig gemacht habe für die Bühne. Es sind innere Wunden, die mich geprägt haben und die ,je nach Lebenslage, immer wieder aufbrechen weil sie so tief sind. Ich versuche, trotzdem ein gutes Leben zu führen, die glücklichen Momente zu spüren, die nicht so guten als Chance zum wachsen anzunehmen. Und es geht mir heute wirklich gut. Ich lebe geregelt, sicher, ohne Alkohol, ohne Nikotin, ohne unnatürlichen Erfolgsdruck , ich muss keine Medikamente nehmen. Habe einen Partner, der mir wie ein Fels in der Brandung zur Seite steht. Meine wunderbare Tochter.Habe zwei Katzen die einfach nur lieb sind. Habe immer Ideen.Ich lache oft, habe Spass an Wortspielen und seit neuestem eine Spiegelreflexkamera, die genau die Bilder macht, die ich immer machen wollte.
Und trotzdem: dieses Vakuum, wenn das Empfinden sich auf Grund äußerer Lebensumstände abstellt, dieser Mechanismus einsetzt, den ich als Kind gelernt habe, um zu überleben: wer nichts empfindet, stirbt nicht am Schmerz, der Mechanismus ist immer noch da und ich kann nichts dagegen machen. Passieren bestimmte Dinge, die mir Angst machen, stehe ich da wie ein 8 jähriges Kind. Ich bin wütend darüber, denn ich habe mir das nicht ausgesucht, dass ich nun, als 44 Jährige Frau, immer noch darunter leiden muss und Phasen erlebe, in denen ich einfach nichts fühle.
Es war ein langer Weg.Der sprichwörtliche lange steinige Weg und die Musik hat mich gerettet. Früher, als ich 20 war, hielt mich die Musik von Peter Gabriel am Leben. Ich weiß, dass sich das theatralisch anhört, aber genauso dramatisch war es. Sie gab mir Hoffnung in meinem hermetisch abgeschossenen seelischen Gefängnis, in das ich durch einen unfassbaren Akt der Demütigung und des Mißbrauchs, den ich als kleines Mädchen über viele Jahre erlebt hatte, geraten war. Es gab kein Entrinnen aus diesem Vakum, in das sich meine Seele schützend zurückgezogen hatte, ich spürte zwar, dass ich in einer wirklichen Schieflage war, aber dagegen tun konnte ich nichts. Denn jegliche Erinnerungen an das Erlebte war verschluckt in einer totalen Amnesie. Ich hatte alles vergessen, um zu überleben. Abgespalten von mir selbst und allem, was Leben ausmacht, unfähig, irgendetwas aktiv und positiv zu gestalten, hing mein Leben lange Zeit am seidenen Faden, kamen Verletzungen hinzu. Sollche, die andere mir zufügten und sollche, die ich mir selbst zufügte. Das waren die allerschlimmsten. Aber ich wußte: wenn es jemanden gab, der so sang wie Peter Gabriel, musste es für mich einen Weg geben. Und genauso war es auch.
Als ich 26 jahre alt war, begann die Amnesie zu bröckeln und die Erinnerung, an das, was ich erlebt und überlebt hatte, blitzte immer öfter in mir auf. Ich konnte es nicht einordnen, was ans Tageslicht kam, war so beängtigend, allmächtig und unglaublich, dass ich Angst hatte, es nicht zu überleben. Helfen konnte mir niemand. Mir drohte der komplette Untergang, das Scheitern, der Tod.
Ich hörte Peter Gabriel und dachte an die Musik, die ich gerade selbst begonnen hatte, zu machen. An die Bilder, die ich noch nicht gemalt hatte. An die Songs, die ich schreiben wollte. Ich wollte leben. Also sagte ich zu mir selbst: ” O.K. ich habe 2 Möglichkeiten, entweder ich bleibe jetzt hier und sterbe oder ich bewege mich und finde einen Weg. Meinen Weg.”
Ich nahm für ein paar Wochen im Sommer 1997 einen ziemlich deprimierenden Job als Kellnerin in einer Studentenkneipe an und sparte ein paar hundert Mark. Mit dem Zug fuhr ich im September das erste mal nach Bath, 2 Stunden westlich von London, um die Real World Studios von Peter Gabriel zu besuchen. Ich kannte dort niemanden und hatte auch keinen Termin. Ich fuhr einfach los und werde diese Reise niemals vergessen, an deren Ende mich Peter Gabriel auf dem Parkplatz kurz grüsste. Ich durfte nicht hinein, doch ich war auch  nicht die einzige, die sich auf diese Reise gemaht hatte: Im Hostel, in dem ich Unterkunft fand, lernte ich eine jungen Mann kennen, der auch Musik machte und mir stolz ein Foto zeigte, das ihn und Peter Gabriel auf genau dem gleichen Parkplatz zeigte. Ich war nicht alleine.
Es folgten bewegte und zum Teil sehr harte Jahre, in denen nach und nach alles ans Licht kam und in denen sich nach und nach alles zum Guten regelte, obwohl ich mehr als einmal Angst hatte, es nicht zu schaffen. Ich machte meine Musik, erhielt Plattenvertäge, veröffentliche Cds, gab Konzerte und wurde mit jedem Tag mehr ich selbst. Ich lernte, damit zu leben.
Trotzdem gibt es diese Tage, manchmal Wochen, an denen alles wieder da ist. An denen es mich einholt. Die vertane Zeit, die verlorenen Jahre, die verpassten Chancen. Die Scham darüber, was mit angetan wurde.
Trotzdem bin ich froh. Einfach darüber, dass ich überlebt habe und mir diese Möglichkeit gegeben ist, mich über meine Musik auszudrücken. Dass es Menschen gibt, denen meine Musik etwas bedeutet. Da, wo keine Worte mehr hinkommen, kann ich mit meiner Gitarre hin. Das, was unerklärlich bleibt – Ich kann es ausdrücken, indem ich singe und Songs schreibe. Was für eine unbezahlbare Gabe.
Nun reise ich, fast 20 Jahre nach meiner ersten Begegnung, wieder nach Bath. Dieses mal nicht als Besucher, sondern als Musikerin. Ich darf reingehen. Die Mikros werden für mich aufgebaut. Ich habe mich 2 Tage in die Real World Studios eingemietet und werde 10 Songs, die mir sehr am Herzen liegen, live einspielen. Es ist die Herausforderng meines Lebens. Mein absoluter Lebenstraum. Nie habe ich um etwas mehr gekämpft als darum. Denn die Angst springt mir aus allen Ecken entgegen.
Ich habe Angst. Reale, ungeheure Angst. Vor er langen Autofahrt, vor der Fähre, davor, auf dem Weg vielleicht festzustellen, dass ich es nicht schaffe. Das ich steckenbleibe, verschwinde, aufgeben muss. Neben mir stehe und nichts mehr empfinde. Dass dieser Moment ungespürt an mir vorbeizieht. Es wäre nicht das erste Mal.
Es ist eine Grenzerfahrung, meinen Lebenstraum in die Tat umzusetzen. Doch ich bin nicht alleine. Die Menschen, die meine Musik mögen, haben diese Aufnahmen mit Crowdfunding möglich gemacht und ich bin ihnen sehr dankbar. Vor allem,weil ich dadurch auch weiß, dass jemand da draußen diese songs gerne hören möchte. Das es nicht nur um mich selbst geht.
Ich habe viel geübt, nur die Gitarre und ich und es waren intensive Wochen der Vorbereitung. Zwei neue englische Songs sind noch entstanden und die nehme ich mit auf diese Reise zu mir selbst.
Heute gehe ich noch zum Friseur, auch etwas, zu dem ich mich immer noch überwinden muss, weil mir dann jemand auf Tuchfühlung nahe kommt, dann packe ich. Zwei Gitarren, (eine akustische und eine elektrische), eine Tasche voller Klein- Equpiment, Saiten, Notenständer, alles was ich brauche, eine Tasche mit persönlichen Sachen. Ein Kleid mit Blumen habe ich sogar gekauft. Meine Kamera. Doch das wichtigste trage ich in mir: Meine Stimme, mein Empfinden, meinen Mut, meine Hoffnung, meine Lebensfreude. Trotz allem. Ich mache mich auf den Weg, um zu zeigen, dass es immer einen Weg gibt, dass es sich lohnt, für seinen Traum einzustehen, egal, wie absurd und unreal der für andere klingt. Dass es sich lohnt , um sein Leben zu kämpfen. Die Blockaden zu lösen. Die Leinen zu lösen. Die Dinge beim Namen zu nennen, sich seinen Ängsten zu stellen.
Ich habe Angst – aber ich werde losfahren. Ich habe das Ticket für die Fähre.
Dünnkirchen-Dover,Samstag, 16 Uhr.


“Alles bleibt” in der Liederbestenliste !

…ich freue mich zu hören, dass  “ALLES BLEIBT ” aus meinem aktuellen Album “Lieder vom Küchentisch” es nun auch in die Liederbestenliste geschafft hat.

Da ich das erste Mal auf eigenem Label veröffentlicht habe, und vieles von dem, was ein Plattenlabel so macht, wenn die Musik fertig ist, wirkliches Neuland für mich war, war ich mit dem timing der Veröffentlichung nicht ganz perfekt:

Normalerweise verschickt man 3 Monate bevor die CDs dann käuflich zu haben ist, sogennte Promotions Cs an alle möglichen Partner wie z.B. Redakteure von Zeitschriften etc, ….das gleiche gilt auch für bestimmte “Hausnummern” wie  den deutschen Schallplattenpreis. Denn all diese Partner berichten oder bewerten nur ungerne CDs die schon am Markt sind und damit “veraltet”. Lieder berichten sie über das, was ann in den kommenden Wochen oder Tagen veröffentlicht wird.

Ich habe da etwas blauäugig meine CDs erst nach der offiziellen Veröffentlichung im März diesen Jahres verschickt, nach dem Motto  “was gut ist, setzt sich durch” und musste dann feststellen, dass ich eine Nominierung für den deutschen Schallplattenpreis bekommen hätte, hätte ich das Album ein Quartal früher verschickt bzw später veröffentlicht.

Nun  freue mich mich umso mehr, dass es ausgerechnet ” alles bleibt”, mein wohl persönlichster  und vor Veröffentlichung von mir selbst bezweifelster Song es in die Liederbestenliste geschafft hat.- Tendenz laut grünem Pfeil nach oben :  steigend !

http://www.liederbestenliste.de

Und ich hoffe natürlich, dass der Song, wie “Is mir egal” noch recht weit in der Liste nach oben klettert.

 

 

In diesem Sinne

eure Katja